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Kunst als professionelle Branche positionieren, so lautet das IG-Ziel

SCHAAN

Lobbyarbeit Kultur ist nicht nur eine «nette Behübschung» von Alltag und Freizeit, sondern ein ernsthafter Wirtschaftsfaktor mit professionellen Akteurinnen und Akteuren. Diese Erkenntnis zu verankern, ist Anliegen der IG Kunst und Kultur.

Am Montagabend fand in den Räumlichkeiten der Kreativ Akademie in Vaduz die Generalversammlung 2022 der IG Kunst und Kultur statt. Die Präsidentin Katrin Hilbe berichtete über die Aktivitäten des vergangenen Jahres und strich dabei heraus, dass die IG als Lobby-Organisation hauptsächlich nach innen aktiv gewesen sei und weniger nach aussen, weshalb man nun auch des Längeren nicht mehr in der Presse präsent gewesen sei. «Nach innen» bedeutet, im Dialog mit dem Kulturministerium, mit dem Amt für Kultur, mit der Kulturstiftung Liechtenstein und anderen. Der nächste Jour fixe mit dem Kulturminister Manuel Frick stehe unmittelbar bevor.

Neben den üblichen Vereinstraktanden und der Wiederwahl des aktuellen Vorstands fanden vor allem zwei wichtige Themen grosse Beachtung: Wie beurteilen die IG Mitglieder eine mögliche Mitgliedschaft bei der Liechtensteinischen Wirtschaftskammer und wie könnte eine mögliche Pensionskassenbeteiligung für selbstständig beziehungsweise zu einem Teil selbstständig erwerbende Kunstschaffende aussehen?

Lobbyarbeit Kultur ist nicht nur eine «nette Behübschung» von Alltag und Freizeit, sondern ein ernsthafter Wirtschaftsfaktor mit professionellen Akteurinnen und Akteuren. Diese Erkenntnis zu verankern, ist Anliegen der IG Kunst und Kultur. Wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch war Corona im vergangenen Jahr der Auslöser zu einem wachsenden Schulterschluss der heimischen Kulturschaffenden. Im Frühjahr 2020, also mitten im ersten grossflächigen Coronalockdown, standen nicht nur in etlichen Wirtschaftsbranchen die Räder still, auch die liechtensteinischen Kulturschaffenden mussten teils gravierende Einbrüche in ihrer Berufstätigkeit hinnehmen. Die grosse Krux der Künstler: Ihr Alltagsleben ist zumeist eine Patchwork-Existenz zwischen eigentlichem Kunstschaffen und notwendigen Nebenerwerbstätigkeiten, um Monat für Monat die regulären Lebenshaltungskosten hereinzuspielen. Viele Kunst- und Kulturschaffende hanteln sich von Projekt zu Projekt, pendeln zwischen Festanstellungen, temporären Verträgen und Werkverträgen. Kurzum: Künstler leben oft in einer solch schwankenden Einkommensund Umsatzsituation, dass sich auch die Politik schwertat, entsprechende Entschädigungszahlungen an Künstler zu beziffern und auszurichten.

«Künstler leben von ihrer Kunst, wenn es die Umstände zulassen, und sie leiden unter Einbrüchen genauso wie andere wirtschaftlich Tätige.»

Initiative der Betroffenen

In eben dieser prekären Situation im Frühjahr 2020 startete eine Handvoll Kulturschaffender auf Initiative des Ruggeller Multimedia-Künstlers Arno Oehry einen Rundruf unter den ihnen bekannten Künstlern im Land, wie es ihnen angesichts des Lockdowns beruflich, finanziell und sozial geht. Die Situation zeigte ein sehr durchwachsenes, aber nichtsdestotrotz prekäres Bild, sodass in weiterer Folge zwei runde Tische mit der seinerzeitigen Kulturministerin Katrin Eggenberger angestrebt und durchgeführt wurden. Danach flossen dann erste Landesentschädigungen auch in die Kulturbranche. Am 10. September 2020 wurde schliesslich die IG Kunst und Kultur als offizieller Lobbying-Verein im Interesse der heimischen Kulturschaffenden gegründet und von Anfang an auf eine breite Branchenvertretungsbasis gestellt. Thomas Beck vertritt den Schauspielbereich, Pirmin Schädler die Anliegen der Musiker, Michael Gattenhof bringt seine Expertise im Veranstaltungsbereich ein, Arno Oehry vertritt den Multimedia- und Filmsektor, Katharina Bierreth-Hartungen steht für die Bildende Kunst, Jens Dittmar für die Schriftsteller. Jan Sellke steht seitens des TAK für mehrere Sparten in Schauspiel, Musik und Veranstaltungen. Und die Regisseurin Kathrin Hilbe amtet als Präsidentin des Vereins IG Kunst und Kultur. Er agiert als Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Kulturbranche. Einerseits will man in Politik und Gesellschaft tatkräftig Gehör für die Anliegen der Kulturschaffenden erzeugen, andererseits will man als eine Art Standesvertretung die Anliegen der Kunst- und Kulturschaffenden entgegennehmen. Alles zusammen mit dem Ziel der nachhaltigen Aufwertung von Kunst und Kultur in der Gesellschaft, einer tatkräftigen Vertretung der Kulturbranche gegenüber der Politik und in weiterer Folge dem Ausbau der sozialen Absicherung für Kulturschaffende.

Erste Erfolge verbucht

Die erste Zwischenbilanz nach gut einem halben Jahr Tätigkeit fiel gestern durchaus positiv aus. «Wir konnten schon zu Beginn unserer Initiative ein erfreulich gutes Feedback in der Politik und in der Gesellschaft verzeichnen», erklärte Hilbe. «Beim neuen Kulturminister Manuel Frick sind wir bei unserem Antrittsbesuch auf offene Ohren gestossen, etliche Landtagsabgeordnete konnten für unsere Sache gewonnen werden, und nicht zuletzt waren die Anliegen der Kulturschaffenden in zwei Landtagssitzungen Thema bei den Debatten um die Nachtragskredite.» Jetzt, so Hilbe, gelte es vor allem, die Subventionsgelder in die richtige Richtung zu lenken, sodass sie auch direkt bei den Kulturschaffenden ankommen. Bislang würde das Land den Fokus zu stark auf die Subventionierung von technischen Lösungen wie Livestreaming oder Zoom legen. Pirmin Schädler ergänzte, dass es während des Lockdowns hauptsächlich die Gemeinden waren, die den Künstlern tatkräftig unter die Arme griffen.

Umfrage als Argumentarium

Einen weiteren Schub für ihre Anliegen erwarten sich die IG-Vertreter von einer jüngst durchgeführten Umfrage in der liechtensteinischen Kulturschaffenden-Szene. 615 Adressen von heimischen Kulturschaffenden im In- und Ausland wurden via Online-Formular angeschrieben, ein Drittel der angeschriebenen Künstler (56 Prozent männlich und 43 Prozent weiblich) antwortete vollständig. Aus dem Rücklauf ergibt sich nun ein erstes Bild. Demnach ist die Mehrzahl der Kunstschaffenden in Liechtenstein und teils im Ausland tätig, die meisten sind professionelle Künstler mit entsprechender Ausbildung oder sogar akademischem Hintergrund. Die Hälfte der Künstler investiert mehr als die Hälfte ihrer Zeit ins Kunstschaffen. Bei 18 Prozent macht der Anteil ihres Kunstschaffens 50 bis 90 Prozent ihres Gesamteinkommens aus, 25 Prozent der Künstler leben sogar zu 100 Prozent von ihrer Kunst. In etwa demselben Verhältnis standen dann naturgemäss die Umsatz- und Einkommenseinbussen im Jahr 2020. «Damit ist eines klar», bilanzieren Kathrin Hilbe und Michael Gattenhof übereinstimmend, «die Kulturbranche in Liechtenstein ist ein veritabler Wirtschaftsfaktor mit professionell ausgebildeten und tätigen Kunstschaffenden. Künstler leben von ihrer Kunst, wenn es die Umstände zulassen, und sie leiden unter Einbrüchen genauso wie andere wirtschaftlich Tätige. Genau deshalb brauchen Kulturschaffende eine Lobby in Politik und Gesellschaft wie andere Unternehmer auch.» Den Ball in Richtung Regierung und Landtag hat der Verein IG Kunst und Kultur bereits geschossen – jetzt gilt es, auf die entsprechende Antwort zu warten oder – falls nötig – nachzudoppeln.